Die verliebte Lauch-Prinzessin

Monika Drake

In einem fernen Land, erreichbar mit der Wolke der Fantasie - direkt neben Wolke 7 - gibt es keine Menschen. Doch dafür herrschen andere Naturgesetze, denn nur Dinge haben einen festen Platz…

Es war deutlich zu hören - da weinte jemand!
Maiskolberich Janosch hielt auf seinem Weg inne und lauschte. „Diese Stimme kenne ich doch?“ dachte er laut.
Er lief aufgeregt in die Richtung, aus der das Geräusch kam - ohne darauf zu achten, was ihm im Wege stand. Die Grasbüschel, Blumen und Sträucher wichen erschrocken zur Seite.
„Kannst du nicht aufpassen, du Tölpel?“ schrieen sie ihn böse an.
Janosch reagierte nicht, sondern rannte die entstandene Schneise entlang. Er hatte Müh und Not, das Gleichgewicht dabei zu halten, denn es war sehr windig. Seine kurzen Wurzeln schafften es kaum, sich bei jedem Schritt ins Erdreich festzukrallen, damit er nicht umkippte. Er sah fesch aus mit seinem faserigen Schnurrbart, golden glänzte sein Maiskörnerkörper in der Sonne.
Dann sah er sie, und seine Augen strahlten: Laura, die schöne Lauchprinzessin! Aber es wurde ihm schwer ums Herz, sie so schluchzen zu sehen.
„Meine geliebte Laura, warum weinst du?“ Die Arme ausbreitend, ging er auf sie zu. Sie fiel direkt hinein, denn sie vermochte kaum noch einen Schritt zu gehen. Ihre durstigen Wurzeln hatten sich fest ins tränennasse Erdreich eingegraben, sie lösten sich nur unter großer Anstrengung.
„Oh mein Janosch, wir dürfen nicht zusammen gesehen werden, mein Vater schwört sonst bittere Rache!“ jammerte sie.
„Sollst du immer noch den garstigen Porree-Prinzen heiraten? Hab keine Angst, ich passe auf.“ flüsterte Janosch ihr fast ins Ohr, denn er genoss die lange Umarmung.
„Nie und nimmer werde ich seine Frau!“ schrie Laura zum Himmel empor. „Nur die Deine werde ich“, flüsterte sie nun leise weiter.
„So sei es denn, aber nur für einen Tag in diesem Land!“ lispelte plötzlich ein Stimmchen über dem Liebespaar. Die Gemüse-Elfe flog einen Kreis um Beide, und eine glitzernde Wolke Feenstaub rieselte dann auf sie herab.
„Oh Janosch, wie schön!“ strahlte Laura. Dann wurde beiden eigenartig zumute, ihre Wurzeln vereinten sich und Lauras Knolle fing an, sich zu teilen.

„Ihr müsst euch beeilen, um die Grenze des Reiches zu überqueren, bevor der Tag herum ist!“ wisperte die Elfe nun energisch.
Alle Freunde bildeten eine Schneise bis zur schwarzen Grenze: raschelnde Grasbüschel, Obstbäume mit Beifall klatschenden Äpfeln, Schoten mit kichernden Erbsen, läutende Glockenblumen und andere.
Janosch und Laura liefen Hand in Hand los! Bei jedem ihrer Schritte hinterließen sie ein junges Pflänzchen, das sich stangenförmig aus der Erde rekelte, mit goldgelben Blättern.
Mit letzter Kraft, sich gegenseitig stützend, erreichten Janosch und Laura die Grenze. Sie schauten sich noch einmal um und freuten sich über die vielen kleinen Pflänzchen.

„Sorte Lais sollen sie heißen, liebe Elfe - behüte sie gut. Und grüße meinen Vater herzlich von mir; sag ihm, ich bin sehr glücklich!“ Lauras Augen bestätigten es, denn sie strahlten wie zwei Sterne. Janosch nahm seine letzte Kraft zusammen, hob Laura empor und küsste sie zärtlich.
„Ich liebe dich sehr, bis über den Tod hinaus!“ sagte er ebenso glücklich zu ihr. Er trug sie die letzten Schritte zur Grenze, sprang hinüber…

… und sie landeten steif, aber lächelnd, in meinem Gemüsekorb! Aus ihnen zauberte ich den leckeren Salat - und ich hatte den Eindruck, dass sich in der Schüssel jedes Maiskorn liebevoll mit einem Lauchblatt umarmte! 

 

Liebeszauber      

(von Monika Drake)


Fertig! Herrlicher Geruch nach Weihnachtsbäckerei erfüllt den Raum. Die Hausfrau betrachtet den Lebkuchenmann schmunzelnd, Billy ist ihr gut gelungen. Sie lässt die beiden letzten Bleche auf dem Herd zum Abkühlen liegen, macht das Licht aus und die Küchentür hinter sich zu.
Es dauert nicht lange, da schwebte ein glitzerndes Licht durch den mondlichthellen Raum zu Billy. Es hüllt ihn wie einen Mantel ein, bevor es erlosch… und plötzlich geschieht ein Wunder:
Billy reckt und streckt sich gähnend, die Arme in die Höhe haltend. Verwundert setzt er sich auf und schaut sich um. „Wo bin ich hier?“
Sein Blick fällt auf das Kuchenblech nebenan, und seine Augen strahlen.

Da liegt eine Schönheit aus hellem Teig von gleicher Gestalt wie er, bedeckt mit Kokosraspeln und Nüssen. Auf den ersten Blick hat er sich in sie verliebt, er muss sie einfach in die Arme nehmen und küssen!
Also springt Billy hoch, um zu ihr hinüber zu gehen. Für ihn ungewohnt, auf zwei Beine zu stehen, kommt er jedoch bedrohlich ins Schwanken. Nirgendwo hat er die Chance, sich festzuhalten. Darum stolpert er rückwärts übers Blech, bis hin zum Rand der Arbeitsplatte. Mit den Armen rudernd versucht Billy noch krampfhaft, einen Sturz in die Tiefe zu verhindern… umsonst.
Beim Fallen kopfüber wird Billy vor Angst ganz blass, denn genau unter ihm steht Dackel Rudis Wassernapf - schreiend klatscht er ins Wasser! Rasch saugt sich sein Körper mit Flüssigkeit voll, er quillt zusehends auf. Vor Kälte zitternd, betrübt durch Liebeskummer, wartet er weinend auf sein Ende…
Was war das? Rief da nicht gerade jemand seinen Namen? Plötzlich hält neben ihm sanft ein Schlitten, gelenkt von einem Elfen.
„Na Billy, du scheinst wohl dringend Hilfe zu brauchen?“ Der Elf schwingt zwinkernd seinen Zauberstab. Sofort kehrt das Lebendsgefühl in Billys weichen Beinen zurück, bald ist er trocken und kräftig wie zuvor.
„Hab vielen Dank, du hast mir das Leben gerettet!“, ruft er erfreut.
„Nicht mir, sondern Gretchen hast du deine Rettung zu verdanken. Sie rief mich zur Hilfe.“ Der Elf zeigt lächelnd nach oben. Überrascht sieht Billy, wie ein liebliches Gesicht besorgt über den Herdrand schaut, er kann sein Glück nicht fassen. Strahlend ruft er ein „Danke!“ hinauf. Sie jubelt erleichtert.

„Es ist Zeit, der Weihnachtsmann erwartet euch in seinem Reich. Nur dort könnt ihr zusammen leben, wenn es auch dein Wunsch ist.“ Der Elf gibt dem verdutzt nickenden Billy nun einen warmen, blauen Schal und eine blaue Zipfelmütze, weiß sind der Rand und die Bommel.
„Der Nordwind ist eisig kalt, das wird dich vor ihm schützen.“ Sobald Billy im Schlitten sitzt, fliegen sie hoch zu Gretchen.
Da steht sie nun, seine Herzallerliebste, schön ist sie. Billy nimmt seinen ganzen Mut zusammen, breitet weit seine Arme aus und fragt sie: „Liebes Gretchen, willst du für immer bei mir bleiben?“ Sie wirft sich glücklich mit einem lauten „Ja!“ hinein, schmiegt sich fest an ihm.
Schmunzelnd schwingt der Elf unauffällig seinen Zauberstab... und plötzlich hat auch sie warme Sachen an. „Dein Weihnachtswunsch wird dir nun erfüllt, Gretchen, bewirkt durch die Zaubermacht der Liebe.“
In einer glitzernden Sternenwolke fliegen Billy und Gretchen verliebt einer glücklichen Zukunft entgegen.